IQB – Schulische Kompetenz von Jungen hinkt teilweise über 3 Jahre hinterher

Die IQB-Schulleistungsstudien aus 2022 und 2024 zeigen, dass Jungen mittlerweile in nahezu alle Kompetenzen außer Mathematik schlechter abschneiden. Eine gezielte Jungenförderung parallel zur exklusiven Mädchen-MINT-Förderung lehnt die Politik jedoch weiterhin kategorisch ab.

 

 

Hier die Gender Gaps in der 9. Klasse:

Wie hängen Punktedifferenz und Lernrückstand zusammen?

In der öffentlichen Debatte wird fälschlicherweise oft mit der veralteten Generalformel „50 Punkte = 1 Schuljahr“ gerechnet. Dadurch wird das Defizit der Jungen in den Medien massiv kleingerechnet. Nach dieser falschen Pauschalformel hätten Jungen beim Lesen nämlich angeblich nur ein gutes halbes Jahr Rückstand – die Realität ist mit 1,5 Jahren im Lesen aber fast dreimal so schlimm.

Diese extremen geschlechtsspezifischen Unterschiede zeigen deutlich, wie groß die Lücken in der gezielten Förderung sind.

Direkter Vergleich im Überblick

Laut IQB 2022 und 2024 haben Jungen im Lesen einen Rückstand in der 9. Klasse von 28 Punkte und in Orthographie von 49 Punkten. Das bedeutet, Jungen hinken nach Abschluss der 9. Klassen Mädchen im Lesen um etwa anderthalb Jahre und in der Orthographie um über 3 Jahre hinterher.

Die exakten Punktwerte des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) unterscheiden sich drastisch zwischen der Grundschule und der weiterführenden Schule. Da Kinder in jungen Jahren wesentlich steilere Lernkurven haben, entspricht ein Schuljahr in der 4. Klasse deutlich mehr Kompetenzpunkten als in der 9. Klasse.

Primarstufe (Ende 4. Klasse)

In der Grundschule wird der jährliche Lernzuwachs anhand der Entwicklung zwischen der 3. und 4. Klasse gemessen. Ein Rückstand von einem Schuljahr entspricht hier:

Lesen: ca. 60 Punkte
Orthografie (Rechtschreibung): ca. 100 Punkte

Verfehlt ein Kind in der 4. Klasse den Erwartungswert im Lesen um 60 Punkte, hat es statistisch das Leistungsniveau eines durchschnittlichen Drittklässlers. Bei der Rechtschreibung fallen Lücken wegen der hohen Dynamik im Schriftspracherwerb mit ganzen 100 Punkten pro Jahr ins Gewicht.

Sekundarstufe I (Ende 9. Klasse)

In der weiterführenden Schule flacht die Lernkurve in den sprachlichen Grunddisziplinen stark ab, da vor allem Fachinhalte hinzukommen. Der jährliche Zuwachs wird hier zwischen der 9. und 10. Klasse gemessen. Ein Rückstand von einem Schuljahr entspricht hier:

Lesen: ca. 20 Punkte
Orthografie (Rechtschreibung): ca. 15 Punkte

Ein Kompetenzunterschied, der in der 4. Klasse noch geringfügig wäre, wiegt in der 9. Klasse extrem schwer. Da Jugendliche in der späten Schulphase im Lesen pro Jahr im Schnitt nur noch 20 Punkte dazulernen, bedeutet ein Rückstand von beispielsweise 40 Punkten bereits das Fehlen von zwei vollen Schuljahren an Lernzeit.

Warum diese Zahlen in der Praxis sogar noch dramatischer sind

Betrachtet man die biologisch-soziologische Realität der Jugendlichen, ist ein solcher Rückstand am Ende der 9. Klasse sogar noch gravierender. In der 9. Klasse flacht die natürliche Lernkurve für basale Fähigkeiten wie Rechtschreibung extrem ab. Wenn ein Jugendlicher mit 15 Jahren den Leistungsstand eines 12-Jährigen hat, holt er diesen Rückstand im normalen Unterrichtsalltag meist gar nicht mehr auf. Das Defizit verfestigt sich.

Wer in der Orthografie drei Jahre zurückliegt, braucht beim Verfassen von Texten so viel kognitive Energie für die reine Wortkonstruktion, dass kaum Kapazitäten für komplexe Textinhalte oder Argumentationen übrigbleiben. Das blockiert das Lernen in allen anderen Fächern (wie Geschichte oder Biologie).

Die Bundesregierung hat sich im Jahr 2000 in § 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien (GGO) zwar rechtlich dazu verpflichtet, bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesministerien in ihren Bereichen die Gleichstellung von Frauen und Männern zu fördern. Die Länder haben entsprechende Gleichstellungsgesetze erlassen. Weil die Schüler mit der schlechteren Kompetenz außer Mathematik mehrheitlich männlich sind und Jungen im Gegensatz zu Mädchen keine politische Lobby haben, fällt diese Gruppe durch alle Raster des politischen Interesses.

Quelle Beitragsbild: KI-generiert mit Google Gemini