Jungenleseförderprojekte aus aller Welt

Jungenleseförderprojekte aus aller Welt

Während in der deutschen Bildungspolitik auch 25 Jahre, nachdem die erste PISA-Studie 2000 Jungenleseförderung als wichtige bildungspolitische Herausforderung anmahnte, Jungenleseförderung immer noch nicht „Art of the State“ ist und das das Problem der Jungen als Bildungsverlierer durch ideologisch motivierte Förderasymmetrien sogar verschärft, gehen andere Nationen völlig anders vor. In Ländern, die in Bildungsstudien traditionell pragmatischer agieren, gilt eine gezielte Jungenlese- und Jungenbildungsförderung nicht als überflüssiger Luxus oder als Backslash gegen Frauen, sondern als staatliche Notwendigkeit zur Sicherung des Wohlstandes und des sozialen Friedens.

Hier sind konkrete, offizielle und staatlich gestützte Beispiele aus Ländern, die das Problem aktiv anpacken:

Großbritannien

Großbritannien gilt als Pionier der jungenspezifischen Leseförderung. Im UK wird das Zurückfallen von Jungen im Bildungssystem mittlerweile parteiübergreifend als nationales Risiko eingestuft.

Die Organisation National Literacy Trust entwickelte dort das hocherfolgreiche Projekt „Reading Champions“.

Beliebte und einflussreiche Jungen (z. B. Sportler oder ältere Schüler) werden zu „Lesebotschaftern“ ernannt, um das Image des Lesens als „uncoole Mädchensache“ aufzubrechen. Für ihren Einsatz und das Wecken von Lesebegeisterung erhalten die Jungen strukturierte Leistungsabzeichen in Bronze, Silber und Gold.

Der politische Vorstoß (2025/2026): Berichte von renommierten Thinktanks wie dem Higher Education Policy Institute (HEPI) forderten die Regierung offiziell dazu auf, eine nationale Strategie für die Bildung von Jungen zu entwickeln und sogar einen eigenen „Minister für Männer und Jungen“ im Bildungsressort zu installieren. Die Begründung: Das bildungspolitische Zurücklassen junger Männer führt zu wirtschaftlicher Inaktivität und politischer Radikalisierung.

Das „National Year of Reading 2026“: Die britische Bildungsministerin Bridget Phillipson rief zusammen mit dem National Literacy Trust das Jahr 2026 zum Nationalen Jahr des Lesens aus. Ein expliziter Schwerpunkt liegt hierbei auf Programmen, die leseunwillige Jugendliche – statistisch vor allem Jungen – in Gefängnissen, Jugendarrestanstalten und Brennpunktschulen über maßgeschneiderte Lese- und Schreibprojekte wieder in das System zurückholen.

Kanada (Ontario)

Kanada gilt als eines der erfolgreichsten Länder darin, Jungenförderung direkt in die staatliche Bildungspolitik einzubinden. Das Bildungsministerium der Provinz Ontario drückt nicht wie in Deutschland die Verantwortung für Jungenleseförderung auf private Initiativen ab, sondern steuert die Schulen zentral.

Der staatliche Leitfaden „Me Read? No Way! ist kein loses Projekt, sondern ein offizieller, extrem detaillierter Handlungsleitfaden des kanadischen Bildungsministeriums für alle Lehrkräfte. Er basiert auf der Erkenntnis, dass Jungen anders lernen als Mädchen. Der Leitfaden verpflichtet Schulen dazu, sogenannte „boy-friendly classrooms“ einzurichten. Das bedeutet: Integration von digitalen Medien als primäres Lese- und Schreibwerkzeug, die gezielte Anschaffung von Sachbüchern, Graphic Novels und Kurztexten statt dicker Romane sowie die bewusste Förderung von Debatten und „Social Interaction“ im Sprachunterricht. Das Ziel ist es, das Lesen vom Stigma des „Mädchenhobbys“ zu befreien.

Australien

Australien durchbricht derzeit die ideologische Blockade, die in Deutschland vorherrscht, und zieht die Reißleine, nachdem nationale Leistungsdaten (NAPLAN) massive Defizite bei Jungen zeigten.

Die parlamentarische Untersuchung 2026: Anfang 2026 setzte die australische Regierung eine umfassende parlamentarische Untersuchung zur Bildungslücke zwischen den Geschlechtern ein, nachdem Bildungsforscher und Abgeordnete Alarm geschlagen hatten, dass Jungen in der Alphabetisierung und im Hochschulzugang dramatisch abgehängt wurden. Berichte wie „Echoes of Disparity: Boys‘ education in Australia“ zeigten schwarz auf weiß, dass Jungen die am stärksten gefährdete Gruppe im Bildungssystem sind.

Die radikale Kurskorrektur: Die australische Politik geht das Problem strukturell an. Bildungsforscher des Centre for Independent Studies wiesen nach, dass moderne, stark sprachbasierte und „offene“ Unterrichtsformen (Inquiry-based learning) Jungen massiv benachteiligen. Die politische Konsequenz: Eine Bewegung zurück zu strukturierterem, direktem Unterricht (Direct Instruction) und konventionellen Klassenzimmern, da Jungen nachweislich diese klareren Rahmenbedingungen benötigen, um beim Lesen und Schreiben nicht den Anschluss zu verlieren.

Boys, Blokes, Books & Bytes ist ein sehr erfolgreiches, im australischen Bundesstaat Queensland pilotiertes und danach adaptiertes Projekt, das zwei kritische Barrieren durchbricht: den Mangel an männlichen Lesevorbildern und die Trennung von Print- und Digitalmedien. Es bringt Väter, Großväter oder männliche Mentoren („Blokes“) in Bibliotheken und Schulen mit Jungen („Boys“) zusammen, um gemeinsam Sachbücher („Books“) zu lesen und interaktive, computergestützte Leseformate („Bytes“) zu nutzen.

Finnland

Finnland versucht den Gender Gap im Lesen durch ein stark individualisiertes und früh ansetzendes Unterstützungssystem auszugleichen.

Es gibt seltener isolierte „Sonderprojekte“ nur für Jungen, sondern eine feste Verankerung von Interessenförderung im Schulalltag. Jungen werden gezielt durch Bibliothekskooperationen im Unterricht abgeholt, bei denen Gaming, Comics und männerdominierte Vorbilder eingebunden werden, um Lesemustern entgegenzuwirken.

Schweden

Rückkehr zum gedruckten Buch gegen die Lesekrise

Schweden geht einen sehr pragmatischen Weg und bricht mit dem blinden Digitalisierungswahn der letzten Jahre, der vor allem Jungen geschadet hat.

Kampf den Bildungsdefiziten: Die schwedische Regierung verfolgt eine gezielte Kampagne zur Rückkehr zu physischen Büchern, Papier und Stift in den Klassenzimmern. Die systematische Ersetzung von Büchern durch Bildschirme hatte zu einem messbaren Einbruch der Lesekompetenz geführt. Da Jungen auf digitalen Geräten nachweislich schneller abgelenkt sind und seltener tiefgehende Texte lesen, zielt diese schwedische Bildungsreform im Kern darauf ab, das fundamentale Leseverständnis von Jungen durch die erzwungene Nutzung analoger Bücher im Grundschulalter zu retten.

USA

In den USA wurde erkannt, dass Jungen eine andere literarische Ansprache brauchen und dass ihnen oft männliche Vorbilder im Lesealltag fehlen.

Guys Read“: Dieses vom bekannten Kinderbuchautor Jon Scieszka gegründete, landesweite Netzwerk basiert auf einer einfachen Erkenntnis: Jungen lesen nicht per se ungern, sie lesen nur oft nicht das, was Schulen von ihnen erwarten. Die Initiative empfiehlt gezielt Bücher mit viel Humor, Action, Graphic Novels und Sachbücher.

Barbershop Books“: Ein extrem erfolgreiches, mehrfach ausgezeichnetes Projekt für urbane Räume. Es bringt Kinderbücher dorthin, wo Jungen sich in ihrer Freizeit mit ihren Vätern aufhalten: in Friseursalons (Barbershops). Vor allem afroamerikanische Jungen werden so in einem rein männlich geprägten Umfeld spielerisch und ohne Schuldruck ans Lesen herangeführt.

Neuseeland

Neuseeland setzt stark auf den Zusammenhang zwischen Sport, Teamgeist und Lesemotivation, um Jungen in ihrer Lebenswelt abzuholen.

Rugby and Reading“: Da Rugby in Neuseeland Nationalsport ist, nutzen die Schulen die Popularität der Spieler. Profi-Rugbystars gehen als Lesebotschafter in Schulen, lesen gemeinsam mit den Jungen und zeigen, dass körperliche Fitness und geistige Fitness zusammengehören. Jungen lernen dadurch: Auch harte Kerle und Sportidole lesen Bücher.

Österreich

In Österreich widmet sich die Forschung und Praxis sehr intensiv der geschlechtsspezifischen Leseförderung, oft koordiniert durch den Österreichischen Buchklub der Jugend.

  • Boys & Books“ (Kooperation): Österreich arbeitet eng mit dem deutschsprachigen Netzwerk boys & books zusammen.

  • Kick mit Buch“: Ähnlich wie in Neuseeland wird hier die Begeisterung für den Fußball genutzt. Über Sportberichte, Biografien von Fußballstars und Fan-Magazine werden Jungen geködert, die dicke Romane sonst verweigern würden.

Schweiz

Die Schweiz setzt auf die Digitalisierung und die Einbindung von Vätern, um Jungen das Lesen schmackhaft zu machen.

Väter lesen vor“: Da in der Primarschule und im Kindergarten meistens Frauen vorlesen, fehlt Jungen oft das männliche Rollenvorbild. Schweizer Initiativen fordern Väter aktiv auf, ihren Söhnen vorzulesen und gemeinsam Bibliotheken zu besuchen.

Transmediales Lesen: Schweizer Schulen binden vermehrt Gaming und Apps in den Unterricht ein. Jungen lesen hier Texte, um Rätsel in einem digitalen Spiel zu lösen, wodurch das Lesen zum Werkzeug für ein Erfolgserlebnis wird.

Irland

Irland schafft es seit Jahren, das Leseniveau extrem hochzuhalten und gleichzeitig einen der kleinsten Gender Gaps der westlichen Welt zu haben. Irland setzt massiv auf strukturierte, physische Bibliotheksarbeit in Schulen und gezielte Lesevorbilder.

Dabei gibt es keine speziellen Jungenleseförderprojekte. Man hat sie stattdessen im Schulsystem verankert. In irischen Schulen gilt das Prinzip des schülerzentrierten Lesens. Im Rahmen von schulischen Programmen wie DEAR (Drop Everything And Read) bestimmen die Kinder selbst, was sie lesen. Da irische Lehrkräfte im Lehrplan nicht ausschließlich klassische Literatur oder emotionale Romane durchkauen, greifen irische Jungen massiv zu Sachbüchern, Comics, Graphic Novels oder Sportmagazinen. Das Lesen wird früh entmystifiziert und verliert das Etikett „Mädchensache“.

Kroatien, Österreich, Portugal, Polen, Zypern, Griechenland, Rumänien

Das EU-Projekt „Boys Reading“

Gesteuert wurde das Projekt federführend von der Rechtsfakultät der Universität Split in Kroatien. Als offizielle Länderpartner waren involviert:

  • Kroatien

  • Österreich (vertreten durch das europäische Netzwerk ENTER)

  • Portugal (Polytechnisches Institut Castelo Branco)

  • Polen (Universität Lodz)

  • Zypern (Forschungszentrum CARDET & Innovade)

  • Griechenland (Doukas Schule)

  • Rumänien (Universität Pitești)

  • Es fällt auf, dass Deutschland, das bis heute eine Jungenleseförderung auf politischer Ebene kategorisch ablehnt, nicht teilgenommen hat.

Das Projekt richtete sich speziell an die Altersgruppe der 10- bis 15-jährigen Jungen, die als „leseunlustig“ galten oder statistisch schlechte Lesekompetenzen aufwiesen. Ziel war es, das Lesen fest in ihren Alltag zu integrieren.

Die Kernphilosophie: Jungen müssen die Kontrolle über ihr eigenes Lesen zurückgewinnen. Das Projekt forderte, dass Jungen aktiv Texte und Bücher wählen dürfen, die ihren realen Lebenswelten, Bedürfnissen und Interessen entsprechen, anstatt ihnen klassische Schulliteratur aufzuzwingen.

Das Netzwerk entwickelte unter anderem:

  1. Pädagogische Leitfäden: Handbücher für Lehrkräfte und Eltern, wie man Lesemuffel gezielt motiviert.

  2. Digitale Plattformen: Bereitstellung von interaktiven Modulen und modernen Texten, die Jungen visuell und thematisch ansprechen.

  3. Lehrer-Fortbildungen: Methodische Schulungen, um den Leseunterricht in Europa jungsfreundlicher zu gestalten.

Da Deutschland nicht teilnahm, blieben die dort entwickelten, kostenlosen Materialien im deutschen Schulalltag weitgehend unbemerkt.

Kernstrategien aller erfolgreichen Länder im Überblick

Wenn man all diese weltweiten Projekte zusammenfasst, basieren die Erfolge immer auf denselben vier Säulen:

  1. Männliche Vorbilder: Väter, Sportler oder ältere Schüler, die öffentlich lesen.

  2. Freie Materialwahl: Akzeptanz von Comics, Mangas, Sachbüchern und digitalen Medien statt starrer Kanon-Literatur.

  3. Wettbewerb & Bewegung: Verknüpfung von Leseaufgaben mit spielerischen Challenges oder Sport.

  4. Druckfreie Räume: Lesen außerhalb des klassischen, oft als „feminin“ oder „bewertend“ wahrgenommenen Deutschunterrichts (z. B. im Sportverein oder beim Friseur).

Deutschland

Die Tatsache, dass sich die Bildungspolitik in Deutschland für die Bildungssituation von Jungen kaum interessiert oder spezieller Jungenleseförderung ablehnend gegenüber steht, heißt nicht, dass es keine Menschen und Organisationen gäbe, denen positive Zukunftsperspektiven für Jungen wichtig sind.

kicken & lesen“ ist eines der erfolgreichsten deutschen Jungenleseförderprojekte, das die Begeisterung von Jungen für den Fußball nutzt, um ihre Lesekompetenz spielerisch zu steigern. Finanziert und getragen wird es dezentral von großen Landesstiftungen, lokalen Kultur- und Bildungsstiftungen sowie bekannten Profi-Fußballvereinen.

Das Projekt richtet sich in der Regel an Jungen der 5. und 6. Schulklasse (ca. 10 bis 14 Jahre), da in diesem Alter das Leseinteresse bei Jungen statistisch stark einbricht. Das Projekt läuft meist über ein ganzes Schuljahr hinweg als AG. Eine Einheit besteht zur Hälfte aus professionellem Fußballtraining und zur Hälfte aus gezieltem Lesetraining. Wie in einer echten Liga sammeln die Jungen sowohl für sportliche Leistungen als auch für gelesene Bücher, gelöste Leserätsel oder Buchpräsentationen Punkte. Am Ende gewinnt das Team den „kicken & lesen“-Pokal. Gelesen werden vor allem Texte, die Jungen ohnehin interessieren: Sportberichte, Biografien von Fußballstars, Fanzines oder altersgerechte Abenteuerliteratur. Die teilnehmenden Jungen dürfen oft an Trainingscamps der Profivereine teilnehmen, Stadien besuchen oder treffen echte Profifußballer, die als männliche Lesevorbilder fungieren

boys & books: Ein universitäres Projekt (unter anderem initiiert von Prof. Dr. Ina Brendel-Kepser), das gezielt Leseempfehlungen für Jungen entwickelt. Es berücksichtigt die spezifischen Interessen von Jungen im Alter von 8 bis 18 Jahren und stellt humorvolle, spannende oder sachbezogene Literatur bereit, um die Lesemotivation abseits klassischer „Schullektüren“ zu wecken.

Jungenleseliste: Auch MANNdat liefert mit seiner Jungenleseliste seinen Beitrag zur aktiven Jungenleseförderung. Dort werden Informationen zur Jungenleseförderung gegeben, Bücher für Jungs vorgestellt und ein Blick auf die Bildungspolitik in Bezug auf die Jungenleseförderung bzw. JungenleseNICHTförderung geworfen.

Quelle Beitragsbild: KI generiert Google Gemini